Stoizismus

3 Maximen für bessere Freundschaften | Stoizismus im Alltag

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3 Maximen für bessere Freundschaften | Stoizismus im Alltag

Diese Woche war wieder so eine Woche, in der ich zunächst keine Ahnung hatte, worüber ich schreiben sollte. Es gab kein Thema, das mich wirklich angesprochen hat. Immer wenn genau dieses Szenario eintritt, greife ich zu einem Moleskine-Journal, das mir meine Freundin geschenkt hat.

Ihre ursprüngliche Intention war, dass ich anfange zu journalen. Oder besser gesagt: Ich selbst dachte, dass ich sehr gern journalen würde.

Die Wahrheit sieht leider etwas anders aus. Wenn ich ehrlich bin, fehlt mir dafür häufig einfach die Geduld. Ich sage das, wie es ist. Damit widerspreche ich mir ein Stück weit selbst, weil ich in meinem Podcast schon oft über Journaling gesprochen und es als gute Praxis empfohlen habe. Und das ist es auch. Selbst Marc Aurel hat mit seinen Selbstbetrachtungen eine Form persönlicher philosophischer Reflexion hinterlassen. Für regelmäßige klassische Journal-Einträge fehlt mir persönlich trotzdem oft die Geduld.

Das Heft benutze ich dennoch. Nur eben anders. Ich notiere darin meine Lebensmaximen: Sätze, Gedanken und kleine Regeln, die mich im Leben begleiten sollen. Man kann sich das ein wenig wie meine persönlichen Selbstbetrachtungen vorstellen, über die Welt, über das Leben und über die Art, wie ich leben möchte.

Wenn mir ein Thema für einen neuen Text oder eine Podcast-Folge fehlt, nehme ich dieses Heft zur Hand und suche mir eine dieser Lebensmaximen heraus. Einige meiner bisherigen Inhalte sind genau aus solchen Einträgen entstanden.

In diesem Blogbeitrag geht es um drei Maximen, die dich aus meiner Sicht zu einem besseren Freund oder zu einer besseren Freundin machen können.

Ergänzend dazu gibt es in meinem Podcast eine Folge über die drei Arten der Freundschaft bei Aristoteles. Sie ergänzt das Thema sehr gut, weil Aristoteles noch einmal aus einer anderen philosophischen Perspektive auf die Frage blickt, was Freundschaft eigentlich ausmacht.

Nach welcher Logik sind meine Einträge aufgebaut? Ich habe bestimmte Werte, an denen ich mein Leben ausrichte. Aus diesen Werten entstehen mit der Zeit Handlungen und Lebensregeln. Entscheidend ist für mich, dass diese Maximen mit meinen Lebenswerten übereinstimmen, also mit den Werten, die mich als Menschen ausmachen.

Die folgenden drei Beispiele zeigen sehr konkret, wie ich stoische Philosophie in meine eigenen Werte und in reale zwischenmenschliche Situationen übertrage. Gerade weil häufig die Frage aufkommt, wie sich Stoizismus praktisch im Alltag leben lässt, sind diese drei Maximen vielleicht eine ziemlich direkte Antwort darauf.

1. Höre erst zu, bevor du versuchst, ein Problem zu lösen

Stoische Tugend: Mäßigung

Ein Freund befindet sich in emotionaler Not und vertraut dir seinen Zustand an. Frag dich in diesem Moment: Sucht er gerade einen Rat oder eine Lösung? Oder braucht er einfach jemanden, der zuhört, ohne Kommentare, gut gemeinte Tipps oder vorschnelle Antworten?

Du hast immer die Möglichkeit, genau das zu erfragen.

Menschen mit einem ausgeprägten Helfersyndrom kennen diesen Impuls wahrscheinlich gut. Jemand kommt mit einem Problem auf dich zu. Du merkst, dass die Person bedrückt oder innerlich aufgewühlt ist, und möchtest unmittelbar helfen. Vielleicht bringst du eigene Beispiele ein oder leitest konkrete Handlungsempfehlungen aus dem Gesagten ab.

Die Intention dahinter ist meistens gut. Wir wollen helfen.

Gleichzeitig gibt es Situationen, in denen die andere Person genau das gerade überhaupt nicht braucht. Ich kenne aus meinem Umfeld Menschen, die nach psychologischen Gesprächen gesagt haben:

„Ich wollte gar nicht direkt hören, was ich hätte anders machen sollen. Ich wollte erst einmal erzählen und gehört werden.“

Genau darin liegt für mich ein wichtiger Unterschied. Wenn jemand von einem Problem erzählt, bedeutet das noch lange nicht automatisch, dass diese Person eine Lösung von mir erwartet.

Deshalb ist es eine Frage, die ich heute immer wieder stelle, wenn jemand mit einem Problem auf mich zukommt:

„Was ist deine Erwartung an mich? Möchtest du meinen Blick darauf hören und wissen, was ich an deiner Stelle tun würde? Oder möchtest du gerade einfach reden und ich höre dir zu?“

Mit anderen Worten: Soll ich etwas dazugeben oder soll ich dir einfach Raum geben?

Ein Beispiel dafür ist meine Mutter. Ich rufe sie an, wir sprechen über irgendeine Situation, und ich sage vielleicht: „Hey Mom, das und das ist passiert. Das ist gerade echt blöd gelaufen.“

Dann kommt gelegentlich eine Antwort wie:

„Ja, habe ich dir gesagt. Das hättest du eben nicht so machen sollen. Hättest du auf mich gehört …“

Und ich frage mich in diesem Moment: Was genau soll dieser Kommentar jetzt bewirken? Soll er mir helfen? Soll er meine Stimmung verbessern? Was ist der konkrete Nutzen eines „Ich habe es dir doch gesagt“, wenn die schwierige Situation ohnehin bereits eingetreten ist?

In diesem Moment bringt mir der Satz wenig. Er schafft für mich keine zusätzliche Klarheit oder Lösung. Er drückt lediglich noch einmal auf einen Punkt, der ohnehin bereits unangenehm ist.

Man ruft einen Menschen eben nicht immer an, weil man bewertet werden möchte. Manchmal möchte man sprechen, weil etwas im Kopf zu viel Raum einnimmt.

Auch meine Mutter ringt mit der Welt auf ihre eigene Art, und jeder Mensch reagiert aus seiner Geschichte heraus. Mir geht es deshalb nicht um einen Vorwurf. Mich interessiert die Beobachtung dahinter, weil sie für Freundschaft und zwischenmenschliche Nähe eine wichtige Rolle spielt.

Für mich bedeutet Mäßigung in einem solchen Gespräch, meinen eigenen Impuls zunächst zurückzuhalten. Ich muss nicht augenblicklich praktische Tipps liefern oder die Rolle des Problemlösers übernehmen. Ich kann zuerst fragen und verstehen, was der andere Mensch gerade tatsächlich von mir braucht.

Genau hier berührt diese Maxime auch die Gerechtigkeit. Es hat mit Fairness zu tun, die Bedürfnisse des anderen Menschen ernst zu nehmen, bevor der eigene Impuls das Gespräch bestimmt.

„Was brauchst du gerade von mir? Was wäre dir in diesem Moment lieber?“

Schon diese Frage kann die Qualität eines Gesprächs verändern.

2. Prüfe, ob dein Gegenüber gerade emotionale Kapazität hat

Stoische Tugenden: Mäßigung und Gerechtigkeit

Bevor du deinen emotionalen Ballast bei einem anderen Menschen ablädst, egal ob bei deinem Partner, einem Freund oder einem Kollegen, frag vorher, ob diese Person gerade überhaupt in der Lage ist, das aufzunehmen. Vielleicht fehlt ihr in diesem Moment die Kapazität dafür. Das ist etwas, das ich akzeptieren und respektieren sollte.

Ich habe eine gute Freundin, mit der ich mich gelegentlich treffe. Wenn ich sie frage: „Hey, wie geht es dir?“, lautet die Antwort sehr häufig: „Mir geht's nicht gut.“

Ich kenne sie gefühlt seit fünfzehn Jahren und kann mich ehrlich gesagt kaum an ein Treffen erinnern, bei dem die Antwort wesentlich anders ausgefallen wäre. Das ist zunächst vollkommen in Ordnung. Ich möchte weder infrage stellen, ob ihr Empfinden berechtigt ist, noch darüber urteilen. Jeder Mensch verarbeitet Erfahrungen anders.

Ich habe dann häufig gefragt: „Willst du darüber sprechen?“ Wenn die Antwort Ja war, habe ich zusätzlich, ganz im Sinne der ersten Maxime, gefragt:

„Willst du einfach, dass ich dir zuhöre, oder möchtest du auch meinen Input hören und wissen, was ich an deiner Stelle tun würde?“

Meistens wollte sie sprechen und gleichzeitig meine Einschätzung hören. Und genau das habe ich dann auch gemacht. Immer wieder.

Aus diesen Gesprächen sind bei mir zwei wesentliche Beobachtungen geblieben.

Die erste war, dass sich trotz der vielen Gespräche wenig verändert hat. Wir landeten immer wieder an einem ähnlichen Punkt. Meine Ratschläge wurden gehört, anschließend aber kaum in konkrete Veränderungen übertragen. Irgendwann wurde für mich sichtbar, dass die Bereitschaft zur Veränderung zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht vorhanden war. Das meine ich nicht als Kritik. Es war zunächst eine Beobachtung.

Die zweite Beobachtung betraf mich selbst. Nach diesen Gesprächen ging ich häufig völlig erschöpft nach Hause. Heute verstehe ich, dass dies auch aus einer Phase meines Lebens kam, in der mein Helfersyndrom deutlich ausgeprägter war.

Damals dachte ich: Wenn du ein guter Freund bist, musst du immer da sein, auch wenn du selbst gerade kaum Kapazität dafür hast.

Nach manchen Gesprächen sagte meine Freundin mit einem großen Lächeln:

„Danke, das hat sich angefühlt wie eine Psychotherapie. Mir geht es jetzt viel besser.“

Und trotzdem standen wir wenige Tage oder beim nächsten Gespräch teilweise wieder am gleichen Punkt. Vielleicht, weil aus dem Gespräch keine Handlung entstanden war. Ich weiß es nicht. Ich weiß allerdings noch sehr genau, wie erschöpft ich anschließend häufig war und wie ich irgendwann dachte: Ich wollte doch eigentlich einfach nur etwas Gutes tun.

Genau deshalb frage ich heute, bevor ich mit einem anderen Menschen ausführlich über meine eigenen Probleme spreche:

„Wie geht es dir gerade eigentlich? Bist du aktuell emotional und psychisch in der Lage, noch etwas von mir aufzunehmen?“

Denn die Probleme von Menschen, die uns wichtig sind, können etwas mit uns machen. Wir nehmen Teile davon mit, gerade wenn eine enge emotionale Verbindung besteht.

Deshalb habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, zunächst zu prüfen, ob die andere Person gerade Kapazität für ein solches Gespräch hat.

Nur weil jemand mit dir einen Kaffee trinken geht, bedeutet das nicht automatisch, dass dieser Mensch gerade innerlich aufnahmefähig ist. Vielleicht trägt er selbst viel mit sich herum. Vielleicht wollte er an diesem Tag einfach einen Kaffee trinken und für einen Moment durchatmen.

Daraus ist für mich eine klare Lebensmaxime für Freundschaften entstanden: Mäßigung darin, wie viel ich bei anderen Menschen ablade. Nur weil jemand bereit ist zuzuhören, folgt daraus nicht, dass ich ihm meinen gesamten inneren Druck übertragen sollte.

Gerechtigkeit bedeutet für mich an dieser Stelle, den Zustand des anderen Menschen mitzudenken und ernst zu nehmen, bevor ich beginne, ausführlich über meine eigenen Belastungen zu sprechen.

3. Bist du jemand, der Energie gibt oder Energie nimmt?

Stoische Tugenden: Gerechtigkeit und Mäßigung

Die dritte Maxime lautet: Bist du derjenige, der Energie gibt, oder derjenige, der Energie nimmt? Frag dich das regelmäßig.

Bei der zweiten Maxime habe ich darüber gesprochen, wie viel Energie mich die Gespräche mit meiner Freundin über lange Zeit gekostet haben. Jetzt möchte ich den Blick bewusst verschieben: weg von der anderen Person und hin zu mir selbst.

Es ist relativ einfach, einen anderen Menschen zu beobachten und zu sagen: Das sind seine Eigenschaften, so nehme ich ihn wahr. Wesentlich schwieriger ist es, den Blick mit Ehrlichkeit und nüchternem Pragmatismus auf sich selbst zu richten.

Was bin ich eigentlich für ein Mensch? Was bewirke ich mit meinem Verhalten und meinen Entscheidungen?

Diese Frage stelle ich mir sehr häufig. Bin ich jemand, der Energie gibt? Mache ich das Leben anderer Menschen durch meine Art ein Stück leichter? Oder bin ich jemand, der überwiegend nimmt?

Ich halte diese Frage für unbequem und gleichzeitig notwendig, weil ich an diesem Punkt nicht mehr über andere Menschen spreche. Ich werde mit mir selbst konfrontiert.

Auch diese Lebensmaxime ist für mich mit Gerechtigkeit und Mäßigung verbunden.

Gerechtigkeit spielt eine Rolle, weil es fair ist, sich selbst diese Frage überhaupt zu stellen. Fair gegenüber einem Freund, der sich entschieden hat, einen Teil seiner begrenzten Lebenszeit mit dir zu verbringen. Wenn ein Mensch dir seine Aufmerksamkeit und Nähe gibt, halte ich es für gerecht, gelegentlich zu prüfen, welche Wirkung du selbst auf diesen Menschen hast.

Die Mäßigung kommt ebenfalls ins Spiel. Nur weil Menschen in deinem Umfeld sind und dich mögen, bedeutet das nicht automatisch, dass sie alles tragen müssen, was du emotional mit dir herumträgst. Es bedeutet auch nicht, dass sie dich unabhängig von ihrem eigenen Zustand grenzenlos auffangen können.

Natürlich ist das Leben dynamisch. Heute bist du vielleicht derjenige, der mehr Energie gibt. In zwei Jahren befindest du dich möglicherweise in einer Phase, in der du deutlich mehr nimmst, weil das Leben dich gerade stark fordert. Auch das gehört zu Freundschaft.

Freundschaft ist keine exakte Bilanz, bei der auf beiden Seiten am Ende dieselbe Zahl stehen muss.

Deshalb verstehe ich diesen Gedanken auch nicht als Tauschgeschäft. Es geht nicht darum, Menschen sofort aus dem eigenen Leben zu entfernen, sobald sie über eine gewisse Zeit mehr Kraft kosten, als sie zurückgeben.

Meine Freundin ist dafür ein gutes Beispiel. In den beschriebenen Gesprächen nimmt sie mir häufig viel Energie. Gleichzeitig besitzt sie andere Eigenschaften, die ich an ihr schätze. Deshalb bin ich weiterhin mit ihr befreundet. Was sich verändert hat, sind meine Grenzen.

Genau darin liegt für mich der entscheidende Punkt. Diese Maxime soll nicht dazu führen, Freundschaften kalt zu berechnen. Sie soll dazu anregen, genauer hinzuschauen und die eigene Rolle dabei nicht auszuklammern.

Deshalb versuche regelmäßig zu reflektieren, ob du an bestimmten Punkten vielleicht selbst derjenige warst, der zu viel Energie eingefordert hat. Und belass diese Reflexion anschließend nicht ausschließlich in der Theorie. Frag dich, welche praktische Veränderung daraus folgen könnte.

Wie kannst du dein Verhalten wieder in ein gesundes Gleichgewicht bringen? Wie lässt sich die Balance zwischen Geben und Nehmen so regulieren, dass sie für beide Seiten tragfähig bleibt?

Fazit: Freundschaft als praktische stoische Übung

Das sind meine drei Lebensmaximen aus meinen persönlichen Selbstbetrachtungen. Drei Lebensregeln, die für mich in Freundschaften eine konkrete Rolle spielen und die helfen können, bewusster mit anderen Menschen umzugehen.

Mir ist klar, dass nicht jeder jede dieser Maximen genauso sehen wird. Vielleicht ist der eine oder andere Punkt open for discussion. Das ist vollkommen in Ordnung. Für mich sind es drei Perspektiven, die ich in meinen Freundschaften immer wieder mitdenke.

Gleichzeitig zeigen sie ziemlich konkret, wie sich stoische Prinzipien aus der Theorie in reale zwischenmenschliche Situationen übertragen lassen.

Mäßigung kann bedeuten, den eigenen Impuls zurückzuhalten und zunächst zuzuhören. Gerechtigkeit kann bedeuten, die emotionale Kapazität eines anderen Menschen ernst zu nehmen und regelmäßig zu prüfen, welche Wirkung das eigene Verhalten innerhalb einer Freundschaft hat.

Am Ende geht es für mich um einen einfachen Gedanken: Eine gute Freundschaft besteht nicht allein darin, Menschen zu finden, die für uns da sind. Zu einer guten Freundschaft gehört auch die Frage, welcher Freund oder welche Freundin wir selbst für andere Menschen sein möchten.