Selbst-Reflexion,Transformation

Ein Brief an mich, wenn ich mir selbst fremd werde.

Ein Brief an mich, wenn ich mir selbst fremd werde.

Im Laufe deines Lebens werden dir immer wieder Menschen begegnen, die dich direkt oder indirekt, bewusst oder vollkommen unbeabsichtigt, daran zweifeln lassen, ob du wirklich gut genug bist. Manchmal werden es ihre Worte sein, manchmal braucht es dafür kein einziges Wort. Es genügt bereits, ihre Erfolge zu beobachten, ihren Fortschritt mit deinem eigenen Leben zu vergleichen und irgendwann zu beginnen, all das infrage zu stellen, was du bisher über dich selbst geglaubt hast.

Dein Selbstbewusstsein wird dabei den einen oder anderen Schlag einstecken müssen. Manche dieser Zweifel werden dich nur für kurze Zeit begleiten, andere können sich über Jahre hinweg in deinem Leben festsetzen und dich ausgerechnet in jenen Augenblicken einholen, in denen du vor einer wichtigen Entscheidung stehst. Du wirst Möglichkeiten an dir vorbeiziehen lassen, weil du dir einredest, noch nicht bereit zu sein. Du wirst an deinen Fähigkeiten zweifeln, obwohl du längst Erfahrungen gesammelt hast, die dir das Gegenteil zeigen. Und manchmal wirst du selbst derjenige sein, der dir am wenigsten zutraut.

Wenn du dich eines Tages wieder in einer solchen Situation befindest, möchte ich dich an etwas erinnern: Zieh den Stecker!

Unterbrich für einen Augenblick den ständigen Vergleich mit anderen Menschen. Kehre zu dir selbst zurück und erinnere dich daran, was du ursprünglich vorhattest, bevor du begonnen hast, deinen eigenen Weg an den Erfolgen und Erwartungen anderer zu messen.

Du hast deine eigenen Vorstellungen davon, wie du leben möchtest, und du hast gute Gründe dafür entwickelt. Vergiss diese Gründe nicht, nur weil jemand anderes einen vollkommen anderen Lebensweg eingeschlagen hat oder dir erklärt, dass deine Entscheidungen unvernünftig seien.

Folge deinem eigenen Weg, auch wenn du damit auf Unverständnis stößt. Habe den Mut, deine Überzeugungen zu vertreten, unabhängig davon, ob du dich in einem Raum mit zwei Menschen oder vor tausend Menschen befindest.

Dabei möchte ich dich allerdings an eine Unterscheidung erinnern, die du niemals aus den Augen verlieren solltest: Es gibt einen Unterschied zwischen dem Verteidigen deiner eigenen Überzeugungen und dem Versuch, sie anderen Menschen aufzuzwingen.

Andere Meinungen haben ihre Daseinsberechtigung, und manche davon werden dich berechtigterweise dazu bringen, deine bisherigen Auffassungen zu überdenken. Höre ihnen zu und prüfe ihre Argumente mit derselben Aufrichtigkeit, die du auch von anderen erwartest. Doch überlasse ihnen nicht grundsätzlich das letzte Wort darüber, wer du bist und welchen Wert du deinen eigenen Überzeugungen beimisst.

Du wirst ein gefestigtes Vertrauen in dich selbst brauchen. Vor allem an jenen Tagen, an denen dir eine Aufgabe zu groß erscheint, eine Entscheidung beinahe absurd vorkommt oder ein bevorstehender Schritt so viel Mut verlangt, dass du am liebsten wieder umkehren würdest.

Auch an jenen Tagen, an denen du vor einem Menschen stehst und genau weißt, dass du endlich etwas aussprechen musst, das du schon viel zu lange mit dir herumträgst. Du wirst möglicherweise Angst vor seiner Reaktion haben, vor den Konsequenzen deiner Worte oder davor, einen Menschen zu enttäuschen, der dir viel bedeutet.

Doch erinnere dich daran, wie häufig du in deinem Leben bereits geschwiegen hast, obwohl deine persönlichen Grenzen überschritten wurden. Wie oft du versucht hast, Verständnis aufzubringen, noch etwas länger auszuhalten oder deine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, weil dir die Vorstellung einer Auseinandersetzung unangenehmer erschien als die Situation, in der du dich befandest.

Du weißt inzwischen, welchen Preis dich das gekostet hat.

Und ich wünsche dir, dass du diesen Preis nicht immer wieder bezahlen musst, nur um den Erwartungen anderer Menschen gerecht zu werden.

Irgendwann wird möglicherweise auch jener Tag kommen, vor dem du dich schon lange gefürchtet hast. Ein Tag, an dem dir das Leben den Boden unter den Füßen wegzieht, vertraute Sicherheiten verschwinden und du dich fragst, wie du mit all dem zurechtkommen sollst, was plötzlich vor dir liegt.

Du kennst solche Tage.

Du weißt, wie es sich anfühlt, morgens aufzuwachen und bereits beim ersten Gedanken an den bevorstehenden Tag eine Schwere zu empfinden, für die du kaum Worte findest. Du kennst die Erfahrung, nach außen funktionieren zu müssen, während du innerlich noch versuchst, das Geschehene überhaupt zu begreifen.

Und gerade deshalb möchte ich, dass du dich in solchen Momenten an etwas erinnerst.

Du hast schon einmal vor Situationen gestanden, von denen du nicht wusstest, wie du sie bewältigen solltest. Und dennoch bist du heute hier.

Wenn dich das Leben erneut vor eine solche Herausforderung stellt, verfalle nicht in die Gewohnheit, dich ausschließlich als Opfer deiner Umstände zu betrachten. Erlaube dir, erschöpft zu sein und auch einmal an deinen eigenen Kräften zu zweifeln. Aber verliere dabei nicht aus den Augen, dass du weiterhin Einfluss darauf hast, wie du dem begegnest, was vor dir liegt.

Betrachte dich in solchen Augenblicken als einen Soldaten mitten in der Schlacht.

Du weißt aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, mit Unsicherheit umzugehen und unter schwierigen Bedingungen weiterzumachen. Du weißt auch, dass Mut nicht voraussetzt, keine Angst zu empfinden. Es gibt Situationen, in denen wir handeln müssen, obwohl uns der Ausgang noch vollkommen unbekannt ist.

Der Kampf findet jetzt statt.

Und du musst heute noch nicht wissen, wie du alles bewältigen wirst, was in den kommenden Wochen oder Monaten auf dich zukommt. Konzentriere dich zunächst auf das, was die gegenwärtige Situation von dir verlangt, und erinnere dich daran, welche Schwierigkeiten du bereits überwunden hast.

Eines Tages wirst du möglicherweise auf diese Zeit zurückblicken und mit Stolz erkennen, wie du mit einer Herausforderung umgegangen bist, die dir zunächst kaum zu bewältigen erschien.

Und wenn du feststellen solltest, dass du eine bestimmte Situation noch nicht gemeistert hast, dann erkenne auch das an. Du musst dir keinen Erfolg einreden, den es noch nicht gegeben hat. Du darfst Fehler machen und Entscheidungen bereuen. Entscheidend ist, dass du bereit bleibst, aus deinen Erfahrungen zu lernen und es bei der nächsten Gelegenheit erneut zu versuchen.

Denn das Leben wird dich immer wieder vor Situationen stellen, auf die du keine vollständige Antwort vorbereitet hast.

Das Leben stellt dir in diesen Augenblicken eine Frage. Vergiss das nicht. Und du bist aufgefordert, darauf zu antworten.

Tu es mit dem Vertrauen in deine eigenen Fähigkeiten. In jene Fähigkeiten, die du dir über Jahre hinweg erarbeitet hast und deren Bedeutung du manchmal selbst unterschätzt.

Ich spreche dabei von den Stärken, über die du niemals große Worte verloren hast. Von jenen Fähigkeiten, die auf keinem Foto zu erkennen sind und deren Entwicklung kaum jemand miterlebt hat.

Erinnere dich an die schlaflosen Nächte, in denen du mit deinen Gedanken allein warst. An jene Zeiten, in denen du dir jemanden gewünscht hättest, der einfach für dich da gewesen wäre, körperlich oder emotional, und in denen du feststellen musstest, dass du bestimmte Schwierigkeiten allein bewältigen musstest.

Du hast damals Antworten gesucht, obwohl du nicht wusstest, ob du sie finden würdest. Du hast Entscheidungen getroffen, deren Konsequenzen dir Angst gemacht haben. Und du hast gelernt, mit Erfahrungen umzugehen, auf die dich niemand hätte ausreichend vorbereiten können.

Vor allem aber möchte ich dich an jene Augenblicke erinnern, in denen du dich endlich dazu entschlossen hast, loszulassen.

An Menschen, an denen du viel zu lange festgehalten hattest, obwohl du innerlich längst wusstest, dass eure gemeinsamen Wege sich auseinanderentwickelt hatten. An Lebensumstände, die dir einmal vertraut gewesen waren und irgendwann nicht mehr mit deinen eigenen Werten übereinstimmten.

Du weißt noch, wie schwer dir manche dieser Entscheidungen gefallen sind. Wie häufig du sie hinausgezögert und wie viele Gründe du gefunden hast, noch etwas länger zu bleiben.

Und du weißt inzwischen auch, dass selbst eine schmerzhafte Entscheidung richtig sein kann, wenn sie auf einer aufrichtigen Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenswirklichkeit beruht.

All das gehört zu deiner Geschichte. Und all das hat dazu beigetragen, dass du heute auf Erfahrungen zurückgreifen kannst, die du dir damals unter Umständen niemals freiwillig ausgesucht hättest.

Es gibt einen bekannten Gedanken, der häufig Mahatma Gandhi zugeschrieben wird:

„Wenn du denkst, du seist zu klein, um einen Unterschied zu machen, versuche einmal, mit einer Mücke im Zimmer zu schlafen.“

Erinnere dich an diesen Gedanken, wenn du wieder einmal das Gefühl hast, dass deine eigenen Leistungen neben den Erfolgen anderer Menschen unbedeutend erscheinen.

Du musst nicht denselben Lebensweg gehen wie sie, und du musst auch keine vergleichbaren Erfolge vorweisen können, um deinem eigenen Leben einen Wert beizumessen.

Du hast dieser Welt etwas zu bieten. Es gibt Erfahrungen, die nur du gemacht hast, und eine persönliche Sicht auf das Leben, die aus deiner ganz eigenen Geschichte entstanden ist.

Und wenn du eines Tages nicht mehr erkennen kannst, was dein Beitrag zu dieser Welt sein könnte, dann beschäftige dich mit dieser Frage. Schau genauer hin und erinnere dich an die Menschen, deren Leben du bereits berührt hast, manchmal durch etwas, das dir selbst kaum besonders erschienen ist.

Vor allem aber möchte ich dich an ein Gefühl erinnern, das dich über viele Jahre hinweg begleitet hat.

An dieses merkwürdige Gefühl, überall willkommen zu sein und doch nirgendwo vollständig dazuzugehören.

Du wurdest in Gemeinschaften und gesellschaftlichen Kreisen mit offenen Armen empfangen. Menschen haben deine Gesellschaft gesucht, dich eingeladen und dir das Gefühl vermittelt, ein selbstverständlicher Teil ihrer Gemeinschaft zu sein. Und dennoch blieb in dir häufig diese eigentümliche Empfindung des Andersseins bestehen, die du selbst lange nicht richtig einordnen konntest.

Du konntest mitten unter Menschen sein, Gespräche führen und dich aufrichtig über ihre Gesellschaft freuen, während gleichzeitig ein Teil von dir das Gefühl hatte, das Geschehen aus einer gewissen Distanz zu betrachten.

Wie ein dauerhafter Außenseiter mit der Einladung eines Insiders. Oder, wie du es einmal selbst beschrieben hast, wie ein vertrauter Fremder.

Ein Mensch, der vielerorts willkommen war und dennoch selten das Gefühl hatte, irgendwo vollständig dazuzugehören.

Ich möchte, dass du dich daran erinnerst, wie du im Laufe deines Lebens gelernt hast, mit dieser Erfahrung umzugehen.

Denn deine Geschichte war keineswegs ausschließlich von Einsamkeit oder dem Wunsch geprägt, endlich einen Ort zu finden, an dem du dich vollständig einfügen konntest. Du hast die Freiheit schätzen gelernt, unterschiedlichen Menschen zu begegnen und verschiedene Lebenswelten kennenzulernen, ohne dich dabei auf eine einzige Vorstellung davon festlegen zu müssen, wer du bist.

Du musstest nicht jede Gemeinschaft zu deiner eigenen machen und auch nicht jede gesellschaftliche Erwartung erfüllen, um an ihrem Leben teilhaben zu dürfen.

Dein innerster Wesenskern wurde für dich zu einem Kompass, an dem du dich orientieren konntest, selbst wenn sich deine äußeren Lebensumstände veränderten.

Und aus dieser Erfahrung entwickelte sich im Laufe der Zeit etwas, das du dir früher möglicherweise häufiger gewünscht hattest: ein aufrichtigeres Verhältnis zu dir selbst.

Du begannst zu verstehen, dass dein persönlicher Wert durch deine besondere Art, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, keineswegs geringer wurde. Dass du eigene Erfahrungen und Perspektiven einbringen konntest, ohne dich dafür grundlegend verändern zu müssen.

Und dass du durchaus ein erfülltes Leben führen konntest, auch wenn deine Vorstellungen von Zugehörigkeit gelegentlich von denen anderer Menschen abwichen.

Ich möchte, dass du dir genau das bewahrst.

Nicht die Vorstellung, dass du niemals an dir zweifeln wirst. Dafür kennst du das Leben inzwischen zu gut.

Ich wünsche dir vielmehr, dass du auch an deinen schwierigsten Tagen bereit bleibst, dich selbst mit derselben Aufrichtigkeit zu betrachten, die du über viele Jahre hinweg von dir verlangt hast.

Dass du deine Schwächen anerkennen kannst, ohne darüber deine Fähigkeiten zu vergessen. Dass du Kritik ernst nimmst, ohne jedes fremde Urteil zu deiner eigenen Wahrheit werden zu lassen. Und dass du dir die Freiheit erhältst, deine bisherigen Entscheidungen zu überdenken, wenn deine Erfahrungen dir gute Gründe dafür liefern.

Du wirst im Laufe deines Lebens noch vieles lernen und manche Überzeugung, die du heute vertrittst, möglicherweise eines Tages anders beurteilen.

Auch das gehört zu deiner Entwicklung.

Doch wenn du wieder einmal an einem Punkt stehst, an dem dir die Welt zu viel wird, deine Gedanken sich gegen dich richten und du kaum noch erkennen kannst, weshalb du dich ursprünglich für deinen eigenen Weg entschieden hast, dann nimm diesen Brief zur Hand.

Erinnere dich an deine Geschichte.

An die Entscheidungen, für die du Verantwortung übernommen hast, obwohl du Angst vor ihren Konsequenzen hattest. An die Menschen, die du gehen lassen musstest, und an die Erfahrungen, die du gemacht hast, als du auf dich allein gestellt warst.

Du kennst diesen Menschen besser als jeder andere.

Du weißt, wie oft er gezweifelt hat und wie viel Überwindung ihn manche Entscheidungen gekostet haben. Du kennst auch jene Seiten an ihm, die er anderen Menschen nur selten gezeigt hat.

Und wenn du eines Tages wieder daran zweifelst, ob du gut genug bist, dann vergiss bei all deiner Selbstkritik nicht, auch diesen Teil deiner Geschichte zu berücksichtigen.

Denn du bist derjenige, der sie erlebt hat.

Und du bist auch derjenige, der sie weiterschreiben wird.

P.S Liebe Dich!