Selbst-Reflexion

Selbstbestimmung | Wie viel Zeit haben wir wirklich?

Wie viel Zeit haben wir wirklich - die Leinwand meines Lebens-Constantino-Mavridis-Stoizismus_Blog

Selbstbestimmung | Wie viel Zeit haben wir wirklich?

Wie viel Zeit haben wir wirklich? Diese Frage hält mich nachts oft wach.

Seitdem ich denken kann, betrachte ich das Leben als das größte Geschenk, das mir je gegeben wurde. Eine Leinwand, die ich ganz nach meinem eigenen Gusto gestalten darf. Die Zeit ist dabei die Ressource, die dieser Leinwand ihre Bewegung verleiht, und das, was ich aus dieser Zeit mache, wird zu den Farben, mit denen sich das Bild Tag für Tag weiterentwickelt. Fast wie bei einem Puzzle, bei dem jedes einzelne Teil nach und nach seinen Platz findet und irgendwann erkennen lässt, welches große Ganze daraus entsteht.

Während ich an diesem Bild arbeite, ist es mir wichtig, regelmäßig ein paar Schritte zurückzutreten. Ich möchte den Blick für das Ganze nicht verlieren und immer wieder prüfen, ob das, was auf dieser Leinwand entsteht, noch meinem eigenen Gusto entspricht. Ich muss von Zeit zu Zeit auf meine Leinwand schauen und mich fragen, ob ich mich in diesem Bild noch wiedererkenne. Ob die Farben, die dort inzwischen zu sehen sind, wirklich von mir gewählt wurden oder ob sich inzwischen etwas eingeschlichen hat, das nie zu mir gehört hat. Denn Menschen haben oft große Freude daran, ihre Pinselstriche auf fremden Kunstwerken zu hinterlassen. Manche dürfen das, weil ich ihnen bewusst Raum gegeben habe. Andere greifen ein, ohne dass ich ihnen jemals die Erlaubnis dazu gegeben hätte. Daher prüfe ich meine Leinwand recht regelmäßig.

In meinem Kopf läuft dabei permanent eine bestimmte Szene im Hintergrund. Ich stelle mir meine letzten Stunden vor. Neben meinem Sterbebett steht das vollendete Bild meines Lebens auf dieser Leinwand.

Dieses Bild ist wunderschön. Ein Meisterwerk, zumindest in meinen Augen.

Es ist nicht schön, weil ich besonders gut malen konnte. Es ist schön, weil es meines ist. Weil es ein Unikat ist. Ein zweites Bild wie meines hat es noch nie gegeben, und es wird auch keines geben.

Ein Gedanke, der mich recht oft zum Schmunzeln bringt. Fast wie ein Kind, das seine eigene Kreation im Sandkasten mit einem breiten Lächeln und voller Begeisterung bewundert.

Weil ich die Farben selbst gewählt habe und weil jede Form auf dieser Leinwand aus einer Entscheidung entstanden ist, die ich bewusst getroffen habe. Und falls sich dort auch Pinselstriche anderer Menschen finden, dann sind es Spuren, denen ich selbst einen Platz gegeben habe.

In diesem letzten Moment am Sterbebett, bedanke ich mich für dieses einzigartige Geschenk, das mir gegeben wurde, und setze meine Reise an einen Ort fort, den ich heute noch nicht kenne und dem ich dennoch mit großer Neugier entgegenblicke. Ich verlasse dieses Leben ohne Reue und ohne Trauer, mit einem erfüllten Herzen und dem guten Gewissen, dass ich dieses Geschenk in vollen Zügen angenommen habe.

Und auch die Menschen, die mich in meinen letzten Stunden hoffentlich begleiten werden, haben dieses Bild vor Augen. Vielleicht verstehen sie dann, dass dieser Moment keine Zeit für Verzweiflung sein muss. Vielleicht sehen sie, dass ihr Vater, Großvater oder Freund sein Leben wirklich nach Selbstbestimmung gelebt hat und dass sie deshalb neben aller Trauer auch etwas feiern dürfen.

Das Leben!

Aus meinem Buch „Archès to Víou“, Kapitel „Identifikation“.

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